Diana Peters ging mit 28 Jahren zur Kinderwunschklinik. Da war ihr Mann 40 und seine Spermienqualität „nicht ausreichend“. Eineinhalb Jahre später wurde Diana schwanger. Heute bedauert sie, dass sie damals nicht wusste, wie gut alles ausgehen würde.

„Bei uns war es so, dass die Spermienqualität nicht ausreichte, um auf natürlichem Wege schwanger zu werden“, erzählt Diana Peters (Name von der Redaktion geändert) im Rückblick auf die schwere Zeit vor der Geburt ihrer ersten Tochter. Das war vor über zehn Jahren.

Mittlerweile kann die 40-Jährige diese Lebensphase gelassen vor ihrem geistigen Auge passieren lassen. Denn die Angst, keine Kinder zu bekommen, hat sich nicht bewahrheitet. Heute lebt sie gemeinsam mit ihrem Mann Richard, Sohn und Tochter in Brandenburg, arbeitet als Autorin und empfindet ihre Familie als Kraftquelle und Ruhepool. „Wir sind einfach wahnsinnig dankbar über Viktoria (9 Jahre) und Henry (7 Jahre)“, beschreibt Diana das große Glück, das ihr durch die beiden Kinder widerfahren ist.

Doch damals erlebte das Ehepaar Peters ein traumatisierendes, monatelanges Wechselbad der Gefühle. Während und nach den vielen Besuchen in der Kinderwunschklinik schwangen häufig sorgenvolle Gedanken mit: Würde es diesmal funktionieren? Hatte sich die letzte Hormonbehandlung gelohnt? Würde das Einspritzen der Spermienzelle in die Eizelle endlich von Erfolg gekrönt sein? Wie sähen die Finanzen für einen möglicherweise nächsten Behandlungszyklus aus? Und was wäre, wenn trotz aller Bemühungen nie ein Kind seine Schokoladenhändchen in der Couch verewigen würde?

„Wir fielen jedes Mal in ein tiefes Loch, wenn man uns sagte: Der Bluttest war wieder negativ“

Wenn der Anruf von Diana und Richard bei der Kinderwunschklinik erneut eine schlechte Nachrichten brachte, war die Trauer groß. Ein Blick in die Zukunft blieb ihnen verwehrt und so blieb das Gefühl der Machtlosigkeit ständiger Begleiter in dieser Zeit: „Das schlimme ist, dass man einfach nicht weiß, wie es am Ende ausgeht. Im schlimmsten Fall wirst du dir den größten Wunsch in deinem Leben nie erfüllen“, beschreibt Diana die Emotionen, die das Paar zweieinhalb Jahre durchlebte.

Beim ersten Kind erhielten sie endlich nach eineinhalb Jahren und zwei erfolglosen Versuchen die Nachricht vom positiven Bluttest. Beim zweiten Kind dauerte es ein Jahr und drei Anläufe, bis es klappte. Eine lange Zeit, in der sie beide lernen mussten, mit extremen Höhen und Tiefen von Gefühlen umzugehen.

„Mir half ein Kontrollverhalten, meine Gefühle in Schach zu halten!“

Diana Peters, die eine Kämpfernatur ist, fühlte sich förmlich zu weiteren Versuchen getrieben. Mit der Kinderlosigkeit hätte sie sich nie abfinden können, erklärt die zweifache Mutter heute: „Weiter machen, bis es klappt“, lautete dann auch ihre Einstellung. Selbst wenn es über zehn Versuche und jeder Behandlungszyklus weitere 2.500 Euro Kosten veranschlagt hätte.

Mit den Gefühlen lernte sie umzugehen, indem sie eine Art Kontrollverhalten entwickelte. So bildete sie sich autodidaktisch „zur Fortpflanzungsmedizinerin“ weiter und lernte den weiblichen Zyklus auswendig: „Ich konnte sagen, wann ein Eisprung war und wie perfekte Hormonwerte aussahen. Das gab mir das Gefühl der Kontrolle über meine Gefühle“, sagt Diana heute darüber. Das half ihr, die negativen Emotionen in Schach zu halten.

Ab dem Tag des Einsetzens der Eizelle gab es für sie kein anderes Thema mehr: Zweimal täglich wurde der HCG-Spiegel kontrolliert, morgen uns abends ein Teststreifen verwendet, Schwangerschaftsproben auf Vorrat gekauft – und ständig hoffte sie, schwanger zu sein.

Wenn das Leid zu Stress und Depressionen führt

Vielen Menschen geht es wie Diana und Richard. Sie finden sich in einer Achterbahn der Gefühle wieder. Einige zeigen ein solches Kontrollverhalten wie Diana. Andere ziehen sich vor lauter Ohnmacht und Verzweiflung vom Partner zurück. Und manche erleben eine tiefe Sinnkrise.

Schlimmstenfalls können wiederholte Transfers von befruchteten Eizellen zu Dauerstress oder Depression führen, weiß Pascale Chartrain. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und BKiD-zertifizierte Kinderwunschberaterin in Berlin. Und erklärt gegenüber FERTILA: „Ich empfehle den Ärzten immer zu fragen: Wie geht’s Ihnen wirklich, brauchen Sie psychische Unterstützung oder Stärkung?“ Viele Ärzte würden nicht fragen, wie es ihren Patientinnen und Patienten ginge. Auf der anderen Seite trauen sich viele Betroffene nicht zu sagen, dass sie emotionale Stärkung benötigen.

„Ich möchte auch ein gängiges Missverständnis aus dem Weg räumen. Psychische Begleitung macht keinen Menschen fruchtbarer – doch sie stärkt ihn während einer Kinderwunschbehandlung, nach einer Fehlgeburt, einer Totgeburt oder beim Abschied vom Kinderwunsch“, erläutert Pascale Chartrain die Wirkweise der Therapie.

Wenn eine Frau durch einen früheren Schwangerschaftsabbruch das Gefühl hat, sie dürfe momentan kein Kind bekommen, würde das enorm viel Kraft kosten. „Solche Gefühle sollten vor einer Kinderwunschbehandlung abgebaut werden. Das verringert den Stress“, sagt die Expertin. Auch baut eine Therapie die Wut oder Frustration durch soziale Vorurteile gegenüber ungewollt Kinderlosen ab. Häufig werde Frauen ohne Kind vorgehalten: „Da gibt es eine psychische Blockade, da müssen Sie dran arbeiten“. Doch das trifft bei wenigen zu, findet Pascale Chartrain. Wie lässt sich eine solche Blockade denn beweisen? Und wie soll der Mensch mit solchen vorgeblichen Blockaden eigentlich umgehen? Schlimm sei an solchen Bemerkungen, dass sie Betroffenen Schulgefühle einreden. „Eine zusätzliche Last wird durch solche Kommentare ausgelöst“, meint Chartrain abschließend zu diesem Thema.

Die Kinderwunschberaterin erkannte schnell, dass belastende Gefühle verarbeitet werden müssen. Emotionen wie Machtlosigkeit, Trauer, Ängste, Neid und Wut lassen sich gut mit Methoden wie Brainspotting oder EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) behandeln. Schon früh beschäftigte sie sich mit unverarbeiteten Situationen, die ähnliche Gefühle auslösen.

In ihrer täglichen Arbeit erkannte sie, dass ähnliche Gefühle den Stress in der Kinderwunschzeit noch verstärken. Ein sensibles Gespür für Trauer und Traumata bildete daher früh die Basis ihrer Arbeit. Traumatherapie, Visualisierungen und Körperbehandlungen (Fruchtbarkeitsmassagen) folgten. Seit 9 Jahren arbeitet sie überwiegend mit Frauen und Paaren in der Kinderwunschzeit.

Wenn der Körper nicht im Einklang ist

Auch TCM-Therapeutin und Heilpraktikerin Jessica Noll schätzt die seelische Not der Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch groß ein. Vor fünf Jahren übernahm sie die Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in Berlin und behandelt vorwiegend mit der fernöstlichen Medizin. Trotzdem sagt sie: „In meiner Praxis frage ich zu Anfang immer auch nach Hormonwerten des Gynäkologen, um die Grenzen und Möglichkeiten der Chinesischen Medizin zu erkennen und die beste Therapiemethode empfehlen zu können.“

Eine Basaltemperatur in der ersten Zyklushälfte mit vielen Zacken könnte bedeuten, dass das Herz-Qi im Sinne der TCM in Dysbalance ist. Die Chinesische Medizin betrachtet stets, was dem Menschen fehlt: „Körper, Geist und Seele müssen im Einklang zueinander und zum Mann stehen, andernfalls kann nichts Neues entstehen“ meint Jessica Noll.

Ob es andauernder Stress, die falsche Ernährung oder zu wenig Sport ist – viele Faktoren nehmen Einfluss auf die Fortpflanzung. „Solange der Säbelzahntiger hinter Ihnen herrennt, wird die Natur die Reproduktion ausschließen“, sagt Frau Noll deshalb gelegentlich zu ihren Patienten. Und meint damit, dass eine Schwangerschaft ein genau abgestimmtes Gefüge aus körperlichen, geistigen und seelischen Faktoren ist.

 

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Paare mit Kinderwunsch: Umgang mit Stress und Ängsten
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