Dr. Petra Thorn bietet als Familientherapeutin seit über 20 Jahren psychosoziale Kinderwunschberatung sowie Paar- und Familientherapie an. Ihre Schwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen psychosoziale Kinderwunschberatung für Alleinstehende und Paare, Beratung zur Familienbildung mit Samen- und Eizellspende, Beratung und Begleitung bei Fehl- und Totgeburt sowie Paar- und Familientherapie bei Krisen.

1. Wie sind Sie zur Kinderwunschberatung gekommen?

Nachdem ich meine Praxis für Paar- und Familientherapie vor mittlerweile 25 Jahre öffnete, hatte ich einige Beratungsanfragen von Paaren mit Kinderwunsch. Darunter waren auch Paare, die sich mit einer Samenspende auseinandersetzen. Das war damals sicher ein recht großer Zufall. Aber das Thema “Samenspende” und die damals ungelöste juristische Seite, das große gesellschaftliche Tabu und die fehlenden Beratungskonzepte haben mich angespornt, diesen Bereich sowohl in meiner Beratung als auch im gesellschaftspolitischen Bereich voranzubringen.

2. Was sind Ihre Schwerpunkte?

Meine Beratungsschwerpunkte sind alle Formen der Familienbildung, bei denen Dritte beteiligt sind: Samenspende, Eizellspende, Embryonenspende und ähnliches. Diese Beratungen werden mittlerweile nicht nur von heterosexuellen, sondern auch immer häufiger von lesbischen und alleinstehenden Frauen wahrgenommen. Zudem suchen auch schwule Männer meine Beratung auf, wenn sie sich mit dem Thema der “Leihmutterschaft” sowie mit Adoption und der Aufnahme eines Pflegekindes auseinandersetzen möchten.

Mein Fokus bei diesen Familienbildungen liegt in der Enttabuisierung: Ich halte es für sehr wichtig, dass Eltern gelassen und souverän mit der Zeugungsgeschichte ihres Kindes umgehen können. Und dass kein Familiengeheimnis entsteht, das für alle Beteiligen eine große Belastung sein kann. Außerdem ist es für die Kinder zentral, dass sie erfahren können, von wem sie abstammen. Dafür setzte ich mich seit Anbeginn meiner Arbeit ein, und nun bekommen wir endlich ein entsprechendes Gesetz.

3. Was würden Paare über Sie sagen, die Sie beraten haben?

Ich erhalte häufig die Rückmeldung, dass ich sehr umfassend und detailliert informieren kann und dabei dennoch verständlich bleibe. Auch berichten Ratsuchende, dass es seine große Erleichterung ist, bei mir in der Beratung auf Augenhöhe behandelt zu werden – und nicht als jemand, dem aufgrund seines Kinderwunsches eine Psychopathologie unterstellt wird.

4. Wen bewundern Sie?

Ich bewundere grundsätzlich alle Menschen, die in Lebenskrisen immer wieder den Mut haben, eigene Grenzen zu verändern und dabei mit den Bedürfnissen anderer sehr einfühlsam umgehen können.

5. Welche Situation hat Sie in Ihrer Beratung am stärksten berührt?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen enormes Durchhaltevermögen zeigen und ich mir nicht immer sicher bin, ob dies im negative Sinne auf ein Nicht-Festhalten an einem unerreichbaren Wunsch oder im positiven Sinne auf eine innere Resilienz zurückzuführen ist. Diese Gratwanderungen berühren mich immer, denn es ist bis zum Ende unklar, wie es ausgeht, und diese Paare riskieren viel – in körperlicher, finanzieller und vor allem auch in emotionaler Hinsicht.

6. Was könnte Deutschland besser machen im Umgang mit Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch?

Wir bräuchten dringend ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz. Es ist wichtig, dass wir moderne Verfahren zulassen, die für die Betroffenen eine schonende Behandlung ermöglichen, beispielsweise die Selektion des Embryos mit der größten Schwangerschaftswahrscheinlichkeit, um die Mehrlingsrate zu senken. Außerdem spreche ich mit für die Zulassung der Eizellspende aus (siehe auch Diskussionspaper der Leopoldina) unter Bedingungen, die auch für Spenderinnen angemessen sind.

Zudem benötigen wir eine verbesserte Kostenübernahme der Kassen von Behandlungen, und auch eine Kostenbeteiligung für die psychosoziale Kinderwunschberatung, so dass die Beratung nicht aus Kostengründen scheitert.

7. Was unterscheidet Ihren Beratungsansatz von anderen?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich mein Beratungsansatz von FachkollegInnen tatsächlich unterscheidet. Was mich sicherlich unterscheidet, ist meine internationale Ausrichtung und mein Engagement nicht nur auf der professionellen Ebene der Beratung, sondern in vielen Fachgremien. Ich reise häufig auf internationale Kongresse und Tagungen und erfahre daher immer wieder, wie schwierige Themen, bspw. die Leihmutterschaft, in anderen Ländern und Kulturen diskutiert werden.

Auf der professionellen Ebene liegt mein Fokus auf der Fort- und Weiterbildung von FachkollegInnen und der Weiterentwicklung der psychosozialen Kinderwunschberatung. Die Gremienarbeit bietet mir die Chance, politische Entwicklungen beeinflussen zu können, und gleichzeitig lerne ich immer wieder, dass man gerade in diesem Bereich enormes Durchhaltevermögen benötigt.

Außerdem habe ich vor über 10 Jahren den Verlag FamART gegründet – damit bin ich sicherlich die einzige Beratungsfachkraft, die auch Verlagsinhaberin ist. Damals suchte ich händeringend einen Verlag, der bereit war das erste Aufklärungsbuch für Kinder nach Samenspende zu verlegen – aber kein Verlag hatte Interesse an einem solchen Nischenthema. Daher gründete ich selbst einen Verlag – und ging davon aus, dass es bei diesem einen Buch bleibt. Aber mittlerweile gibt es über 15 Bücher: weitere Aufklärungsbücher für Kinder, Ratgeberliteratur für Paare und Fachliteratur, alle zum Themenbereich „Familienbildung mit medizinischer Unterstützung“.

8. Welche aktuellen Entwicklungen in der Kinderwunsch Behandlung finden Sie besonders spannend?

Ich möchte mich bei dieser Frage auf die Beratung konzentrieren: In den letzten Jahren ist die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und psychosozialen Fachkräften immer enger geworden. Gleichzeitig glaube ich, dass in diesem Bereich noch vieles brachliegt und wir mithilfe einer respektvollen Kooperation zwischen Medizin und Beratung viele Paaren in dieser Krisenzeit sinnvoll unterstützen können. Diese Entwicklung möchte ich weiter voran bringen.

Aufgrund der zunehmenden Aufklärung von Kindern nach Samenspende und deren Recht auf Wissen über ihre Abstammung wird sich zudem ein neues Beratungsfeld öffnen: Aus dem Ausland weiß ich, dass es hilfreich ist, Kontakte zwischen Kind und Spender (und deren Familien) gut vorzubereiten und ggf. auch zu begleiten. Dies ist ein neues und spannendes Feld, für welches wir als Fachkräfte Konzepte erstellen müssen. Dies wird eine interessante Aufgabe, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen wird.

9. Wie sieht Kinderwunsch Behandlung in 30 Jahren aus?

Auch hier der Fokus auf Beratung: In 30 Jahren wird es selbstverständlich sein, dass jedes Kinderwunschzentrum entweder eine Beratungsfachkraft vor Ort hat oder eine feste Kooperation besteht. Die Beratung wird dann nicht mehr mit einem Stigma belegt sein, sondern Bestandteil einer verantwortungsvollen medizinischen Behandlung. Vor allem wird die Beratung vor komplexen Familienbildungsprozessen für alle Beteiligten üblich sein, also auch für Samenspender und Eizellspenderinnen.

10. Wofür begeistern Sie sich, wenn Sie nicht arbeiten?

Seit einigen Jahren mache ich Triathlon und ernte von einigen Freunden und Kollegen nur Kopfschütteln! Nicht nur, weil es drei Sportarten sind, sondern weil das Trainingspensum recht hoch ist. Aber für mich ist es genau das Richtige, weil das Training so anstrengend ist, dass ich dabei tatsächlich keine Zeit zum Nachdenken habe – und meinen Kopf frei bekomme. Und die häufigen Tagungsbesuche sorgen für ausreichend Regenerationszeit!

 

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