Philipp-Alexander WagnerFERTILA im Interview mit Philipp-Alexander Wagner, Rechtsanwalt und Partner bei der Hamburger Kanzlei Raap und Partner. Herr Wagner ist u.a. spezialisiert auf Kinderwunschrecht und berät Paare, die sich in eine Kinderwunsch Behandlung begeben zu Kostenerstattungen und in Streitfällen. 

1) Wie lange arbeiten Sie schon im Bereich Kinderwunschrecht, wie kamen Sie zu diesem Thema?

Vor einigen Jahren waren meine Frau und ich selber in einer Kinderwunschbehandlung. Eine längere Behandlung, eine Fehlgeburt und eine am Anfang störrische Krankenversicherung haben mich auf das spezielle Rechtsgebiet des Kinderwunschrechtes gebracht.

Nach einigen Beratungen im persönlichen Umfeld habe ich dann vor ca. sieben Jahren neben meiner Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt die Spezialisierung im Kinderwunschrecht aufgenommen.

2) Welche Fälle behandeln Sie typischerweise?

Die häufigsten Fälle ergeben sich bei privat krankenversicherten Patienten. Hier sind die Voraussetzungen für eine Kostenerstattung nicht so eindeutig, wie bei den gesetzlich versicherten Patienten. Bei privat Versicherten kann der Streit mit der Krankenversicherung vor und aber auch während der Behandlung entstehen.

Bei den gesetzlich Versicherten ergibt sich die Frage nach der Rechtsmäßigkeit der Leistungsablehnung immer vor Beginn der Behandlung, da die gesetzlichen Regelungen einen genehmigten Behandlungsplan fordern, welcher vor Beginn der Behandlung ausgestellt wird.

3) Was unterscheidet Ihre Kanzlei von anderen?

Möglicherweise der persönliche Blickwinkel auf eine künstliche Befruchtung und die damit verbundenen Sorgen und Nöte.

4) Werden die Kostenerstattungen in Deutschland der Situation gerecht, in der sich Paare mit unerfülltem Kinderwunsch befinden?

Die Regelungen in der gesetzlichen Krankenversicherung bezüglich einer künstlichen Befruchtung sind ein Skandal. Die gesetzliche Pflicht zur Zuzahlung von 50% der Behandlungskosten hat zur Folge, dass Paare ohne finanzielle Rücklage die Behandlung nicht vornehmen können.

Auch die Beschränkung auf nur drei Behandlungsversuche ist ein Unding. Ich würde mir wünschen, dass die Zuzahlung insgesamt aufgehoben wird und die Anzahl der Behandlungsversuche erweitert wird.

Bei der privaten Krankenversicherung hängt der Versicherungsschutz von der individuellen Versicherung ab. Jeder der sich privat krankenversichern will, hat es somit selber in der Hand, welchen Umfang seine Versicherung hat und ob er beispielsweise Leistungseinschränkungen hinnehmen möchte.

5) Ist das Embryonenschutzgesetz aus Ihrer Sicht noch zeitgemäß, was sollte sich ändern?

Mein Eindruck ist, dass es aufgrund des Embryonenschutzgesetzes im Hinblick auf die Erfolgschancen keinen Nachteil für Patienten in Deutschland gibt.

Soweit jedoch Behandlungsmethoden in Deutschland verboten sind, wie z.B. die Spende von Eizellen, stellt sich die Frage, ob das mit dem Gesetz angestrebte Ziel des Schutzes damit erreicht wird, dass man die betroffenen Paare ins Ausland vertreibt.

6) Wie wird sich das Thema Social Freezing in Deutschland entwickeln?

Das Thema Social Freezing wird in Deutschland von der Öffentlichkeit vollkommen falsch betrachtet. In Deutschland wird Social Freezing häufig als eine Art Luxus-Behandlung dargestellt. Ich hingegen finde es absolut nachvollziehbar, wenn eine Frau, die kein geeigneten Partner hat und nicht alleinerziehende Mutter werden will, sich die Chancen auf eine Familie sichern möchte.

Ich habe die Hoffnung, dass wir in Deutschland offener für diese Probleme werden und die Betroffenen mehr Hilfe erfahren.

7) Was würden Sie Paaren empfehlen, die über eine künstliche Befruchtung oder eine andere Kinderwunsch Therapie nachdenken?

Bei einer künstlichen Befruchtung ist Vertrauen in die behandelnde Ärztin bzw. den behandelnden Arzt sehr wichtig. Es ist daher sehr wichtig, dass man einen Arzt findet, der einen optimal durch die Behandlung führt. Die Erwartungshaltung an den behandelnden Mediziner ist bei jedem Paar individuell.

Eine gute Beratung und Servicequalität in einer Kinderwunschklinik bzw. Praxis sind möglich. Leider gibt es auch den umgekehrten Fall, dass Patienten sich abgefertigt fühlen. Wenn man sich verschiedene Ärzte/Kliniken anschaut, kann man schon einen guten ersten Eindruck gewinnen welche Ärztin bzw. Arzt zu einem passt.

Vielen Dank für dieses interessante und offene Interview!

 

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