Univ. Prof. Dr. Heinz Strohmer ist Reproduktionsmediziner und Leiter des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz in Wien. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen u.a. Dialogstoffe, In-vitro Maturation, Kinderwunsch im höheren Lebensalter und Mehrlingsschwangerschaft. Zudem ist er Lehrstuhlinhaber für „Reproduktionsmedizin“ an der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien.

1. Wie sind Sie zur Reproduktionsmedizin gekommen?

Ich habe mich in den letzten Monaten meines Medizinstudiums bewusst für die Fachrichtung Geburtshilfe und Gynäkologie entschieden. Im Vorlesungsverzeichnis habe ich dann ein Seminar gesehen, das sich innerhalb von einem Monat sehr intensiv mit dem Gebiet der Reproduktionsmedizin beschäftigt hat. Ich habe dieses Seminar besucht, bei meinem früheren Chef Professor Feichtinger und war nach diesem Monat der Thematik völlig verfallen.

Mir war relativ schnell klar in dieser Zeit: Reproduktionsmedizin wird das, was ich in Zukunft machen möchte. Und alles Nachfolgende war dann in diese Richtung ausgerichtet.

Ich war dann zwei Jahre bei Professor Feichtinger Assistent, habe dann anschließend die Ausbildung an der Frauenklinik gemacht und habe mich in dieser Zeit weiter in die Richtung entwickelt. Ich habe zwar auch andere Sachen gemacht, habe viel mit Mehrlingsschwangerschaften zu tun gehabt, aber im Grunde genommen war nach diesem einen Monat für mich klar, wohin mein Weg geht.

2. Wie sind Sie dann zum Kinderwunschzentrum Goldenes Kreuz gekommen?

So wie mir in dem Monat klar war, dass ich mein Leben mit Reproduktionsmedizin verbringen will, war mir auch klar, dass ich ein eigenes Kinderwunschzentrum gründen möchte. Und genauso ist es meinem Partner Prof. Dr. Andreas Obruca gegangen, der dasselbe Seminar besucht und denselben Lebensweg beschritten hat.

Wir waren uns einig, dass es uns ein Anliegen wäre, selbst eine reproduktionsmedizinische Einrichtung zu eröffnen. Wir haben sehr viele Anregungen aus den zwei Jahren, in denen wir beim Professor Feichtinger gearbeitet haben, mitgenommen.

Als junger Mensch glaubt man, dass man alles besser kann und weiß. Das stimmt zwar nicht immer, aber wir waren damals sehr überzeugt, dass wir das gut machen werden. Wir haben dann nach Möglichkeiten gesucht und sind auf das Goldene Kreuz gestoßen. Die Klinik gibt es jetzt seit 18 Jahren.

3. Was sind Ihre Schwerpunkte in der Reproduktionsmedizin?

Ein Schwerpunkt ist sicher die patientenzentrierte Medizin und der zweite die Betreuung von Patienten basierend auf Fakten und Zahlen. Ich bin ein großer Fan davon, dem Patienten Erkenntnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen zur Verfügung zu stellen.

Das Zentrum sollte wissen, wie hoch die Schwangerschaftsrate ist, Detailzahlen sollten ausgewertet werden, um zu sehen wo man Stärken und Schwächen hat.

Handeln nach Kennzahlen ist leider etwas, das in der Medizin nicht sehr stark gelebt wird. Aber ich bin überzeugt davon, dass es die Zukunft der Medizin ist. Es wird alles stark in Richtung Algorithmen gehen und diese Algorithmen brauchen Daten und Fakten.

Das ist, was mich derzeit am meisten beschäftigt neben der wissenschaftlichen Arbeit im klassischen Kernbereich der Medizin. Ich denke, der Qualitätsschub wird dadurch kommen, dass man sich auch als Arzt endlich die Frage stellt „Ist meine Arbeit, die ich leiste, gut?“ Und das sollte man dann auch mit Zahlen und Fakten belegen können.

4. Was wird sich da genau verändern, wenn man als Mediziner nach KPIs arbeiten wird?

Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Ein Freund von mir, 57 Jahre alt, kommt in die Ambulanz und glaubt, dass bei der Rasur auf der linken Seite im Hals immer ein kleines Knödel raussteht. Der HNO Arzt sagt, „Wissen Sie, das ist ein Lymphknoten, den haben Sie wahrscheinlich, weil Sie einen beherdeten Zahn haben“.

Und der Freund denkt sich, das wird schon stimmen. Aber nach ein paar Tagen ist aus dem kleinen Knödel ein ziemlich großer Knödel geworden.

Darauf geht er nochmal zum HNO Arzt und sagt: Schauen Sie sich den Knödel an, das ist jetzt doch sehr groß geworden. Der HNO Arzt verweist wieder auf den Zahn, aber nach 14 Tagen ist es dann schon eine Mandarine.

Der Freund geht zu einem anderen Arzt der ihm sagt, dass es sich um einen schnell wachsenden Tumor handelt, ein Hodgkin-Lymphom.

Das ist jetzt kein Vorwurf für diesen einen Kollegen. Aber nach meiner Überzeugung wird in der Zukunft eine Maschine mit den Symptomen und Daten des Patienten gefüttert. Die Maschine wird sagen, aufgrund dieser Konstellation gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit für Lymphknoten, aber gleich danach kommt Hodgkin-Lymphom. Und so werden gleich die notwendigen Diagnoseschritte eingeleitet, um zu sehen, ist das Fall 1 oder Fall 2.

Und die Maschine kann auch um drei in der Früh arbeiten, weil sie ist immer ausgeschlafen und leistungsfähig ist, das ist schon bestechend. Ein Arzt ist in der Ambulanz nicht immer gleich fit. Da tun einem die Patienten leid, die um 3 Uhr in der Früh mit einem Notfall kommen, weil dann die Wahrnehmung beim Arzt vielleicht getrübt ist. Ich bin ein Fan davon, dass Ärzte sich helfen lassen sollten von Technologien, die jetzt gerade entwickelt werden, wie etwa Watson usw. .

5. Was würden Paare über Sie sagen, die Sie beraten haben?

Paare würden über mich sagen, dass ich relativ offen und ehrlich die Prognose anspreche. Das kann schon für viele Patienten im ersten Moment ein Schock sein. Ich weiß nicht, ob ich mich da ändern will.

Mir liegt gerade ein Behandlungsbereich, der nicht akut ist. Das ist ja schon ein Unterschied zur Unfallchirugie. Mit einem schwerverletzten Patienten haben Sie wenig Zeit ein Schwätzchen zu führen. In der Reproduktionsmedizin ist genug Zeit, den Paaren ein realistisches Bild zu zeichnen, wie die Prognose ist und mit welcher Wahrscheinlichkeit das klappen kann und welche Belastungen damit verbunden sind.

Die Patientin kann dann für sich zu Hause entscheiden, ja ich möchte diesen Weg – trotzdem – gehen, auch wenn die Chancen vielleicht nur wenige Prozent sind.

Manchmal kommt das nicht so gut an, weil es eine grausame Wahrheit ist. Ich mache das schon sehr lange, aber an der Vermittlung möchte ich sicher auch noch arbeiten, es ist immer die Frage, wie man etwas transportiert. Aber ich stehe für eine sehr ehrliche, wenn auch manchmal schmerzhafte Aufklärung.

6. Wen bewundern Sie persönlich, haben Sie Vorbilder?

Mir waren immer Menschen Vorbilder, die sich – unabhängig von ihrem Lebensalter – auf etwas Neues einlassen können. Es war noch nie so dringend notwendig, diese Eigenschaft mitzubringen wie in der heutigen Zeit.

Und zum anderen faszinieren mich Menschen, die genau wissen, dass eine besondere Leistung zu 10% aus Inspiration und zu 90% aus Transpiration besteht. Jeder der versucht, gegen diese Formel zu verstoßen, scheitert. Menschen, die ideenbegabt sind, aber auch bereit in der Umsetzung zu schwitzen, bewundere ich. Leute, die bereit sind, ihre Talente auch wirklich auszuschöpfen, müssen am Ende viel arbeiten, das geht nie leicht von der Hand.

7. Welche Situation hat Sie in Ihrer Laufbahn am stärksten berührt?

Eine Patientin, die wirklich top ausgebildet und sehr schlau war, hat mir einmal gesagt, dass sie sicher über Statistik mehr weiß als ich und das habe ich neidlos anerkannt. Und sie hat mir gesagt nach ihrem 5. oder 6. Versuch, „wissen Sie, ich unterschreibe Ihnen jetzt gerne, dass meine Chancen nicht sehr groß sind, aber ich möchte das wahrnehmen und wenn es notwendig ist, dann komme ich hier 10 bis 20 mal her“.

Am Schluss ist der Erfolg immer über die Ausdauer, die Arbeit definiert. Sie hat es dann beim 12. oder 13. Versuch geschafft. Diese Patientin hat mein ganzes Leben beeinflusst, weil sie mir gezeigt hat, dass es im Leben eben auf die Extrameile ankommt, das hat mich sehr beeindruckt.

8. Was könnte Österreich besser machen im Umgang mit Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch?

Wir sind in der glücklichen Lage den IVF Fonds zu haben, der über weite Strecken für die Kosten von IVF-Patienten aufkommt. Da ist Österreich Vorreiter und damit ist verbunden, dass sehr viele Daten von Zyklen gesammelt werden. Und die werden auch sehr vernünftig ausgewertet.

Ich sehe hier allerdings noch viel Potential, aus diesen Daten hilfreiche Informationen für die Patientinnen und Patienten zu generieren. Ich denke in Österreich gibt es ein durch verschiedene Interessengruppen ausgeprägtes, sehr konservatives Umfeld.

Österreich ist ein katholisches Land und es gibt über den normalen Katholizismus hinaus sehr militante Untergruppierungen der Kirche. Ich würde mir wünschen, dass in Österreich eine unverkrampftere Diskussion stattfindet, ich würde mir als Gesprächspartner keine Ja-Sager erwarten, aber ein schlaueres Gegenüber. Weil von diesen Gruppierungen kommt einfach immer nur ein Vier-Buchstaben-Wort, das ist nein.

Ich finde nicht alles gut, was in der Reproduktionsmedizin stattfindet. Es gibt ein paar Entwicklungen, die sind aus meiner Sicht nicht begrüßenswert. Aber auch da würde ich mir im Diskurs Leute wünschen, die freier von Dogmen sind und die ihre Positionen gut begründen können.

9. Welche Entwicklungen sind das, die Sie persönlich nicht so begrüßen?

Aus der genetischen Diagnostik leiten sich viele Dinge ab, bei denen die Patienten noch nicht wissen, was auf sie zukommt.

Heute kann man einen Embryo immer mehr analysieren und dabei einerseits Eigenschaften, aber auch dramatische Krankheiten wie Down-Syndrom oder Einzelgenkrankheiten feststellen. Wenn man dann liest, dass das MIT Genetic Fortune Telling als eine der wichtigsten Trends der Zukunft angibt, also die Prognose eines Menschenschicksals aus der DNA, dann frage ich mich, ob den Leuten bewusst ist, was das heißen wird.

Paare werden wissen, das ist ein Bub, der wird 162 cm groß und der wird einen IQ unter 100 haben; Oder das ist ein Junge, der ist 183 cm groß, aber der leidet unter extrem starker Kurzsichtigkeit. Die Menschen werden damit konfrontiert, sich zwischen Embryonen entscheiden zum müssen. Das ist eine Entwicklung, da freue ich mich nicht wirklich drauf.

10. Was unterscheidet Ihren Behandlungsansatz von anderen?

Ich denke, dass man immer eine individuelle Therapie für die Patienten zusammenstellen sollte. Dieses maßgeschneiderte, auf die Ausgangsituation zugeschnittene – das ist etwas, auf das wir in Zukunft noch stärker hinarbeiten wollen,

Personalisierte Medizin ist nicht die Zukunft, sondern sollte schon längst Gegenwart sein. Wir leben das jetzt mehr und mehr, genau wie eine 100%ige Service-Orientierung.

Für die Patienten ist die Behandlung sehr belastend und etwas schambesetzt. Daher sollte man schauen, dass die Therapie keine Ecken und Kanten hat. Die Patientinnen müssen immer das Gefühl haben, dass alles fehlerfrei läuft, dass alle Fragen beantwortet werden und sie top informiert sind.

Sie können rund um die Uhr jemanden erreichen wenn sie ein Problem haben. Das sind Dinge die dazu beitragen, dass das Stresslevel sinkt und dass am Schluss die Diagnose besser ist.

Ich würde fast sagen, dass state of the art Methoden im Hintergrund, technische Ausstattung des Instituts usw. eigentlich diskussionslos Voraussetzung sind. Es kann sich niemand mehr leisten, dass er nicht technisch auf dem neuesten Stand ist.

Es wird in Zukunft eher darum gehen, dass die Patientinnen spüren wie sehr wir uns um persönliche und maßgeschneiderte Information kümmern.

11. Wie sieht reproduktionsmedizinische Behandlung in 30 Jahren aus?

Kinderwunschbehandlung in 30 Jahren wird den Aspekt der Prävention stärker berücksichtigen. Frauen und Männern werden sich Möglichkeiten bieten, viel früher zu erkennen, dass sie mit dem Kinderwunsch in eine Situation kommen, wo es dann schwieriger wird. Wir haben leider auch viele Frauen bei uns in den 40ern die schon Befunde mitbringen, die nicht in der gewünschten Form interpretiert wurden.

Ich bin überzeugt, dass auch die Autonomie der Patientinnen steigen wird. Ein iPhone wird ihnen alles diagnostizieren können, davon bin ich 100% überzeugt. Die Rolle des Arztes wird sehr stark in den Hintergrund treten, die Kinderwunschtherapie wird dann hoffentlich geschickter im Leben integriert sein, wenn sie notwendig wird.

Und daneben wird Genetik alles verändern. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Man wird sich irgendwann auch trauen, Eizellen und Embryonen gentechnisch zu verändern. Man wird nicht mehr hinnehmen, dass ein Kind eine genetische Erkrankung hat. Das wird in 30 Jahren so Standard sein wie heute die IVF Standard ist.

12. Wofür begeistern Sie sich, wenn Sie nicht arbeiten?

Mich begeistern alle Neuerungen und ich kann vieles wie Bauklötzchen an die Reproduktionsmedizin dranhalten. Wenn es in der IT oder in der Molekularbiologie neue Entwicklungen gibt, dann denke ich, wie kann diese Entwicklung unserem Unternehmen und unseren Patienten zu Gute kommen.

Und ansonsten spiele ich Musikinstrumente oder lerne Sprachen. Gerade lerne ich steirische Harmonika, weil es Spaß macht. Das ist ein so interessantes Instrument, und auch ganz gut lernbar. Und ich werde Türkisch lernen. Das ist eine Sprache, die ich brauchen werde in Zukunft. Bisher waren das eher so romanische Sprachen, die ich gelernt habe, aber jetzt gehe ich mal ins Türkische.

Vielen Dank an Professor Strohmer für dieses sehr spannende Interview!

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