Anna Koppri ist Sozialpädagogin, systemische Familientherapeutin und Schriftstellerin. Als Botschafterin für International Justice Mission setzt sie sich zudem für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte ein. In ihrem neuen Buch „Wir – mit oder ohne Wunschkind: Auf dem Weg zu einem erfüllten Leben. Paare erzählen.“ erzählen Paare ganz offen von ihren Wegen durch Zeiten des unerfüllten Kinderwunsches.

Sie haben selbst lange einen unerfüllten Kinderwunsch gehabt und sind nun Mama von zwei kleinen Söhnen. Was sind Ihre fünf wichtigsten Empfehlungen, die Sie Frauen oder Paaren mit auf den Weg geben würden?

Ja, ich habe meinen Weg als sehr lang und quälend empfunden, da ich mich jeden Tag unzählige Male mit dem Thema beschäftigt habe. Im Vergleich zu vielen anderen Geschichten hatte ich mit knapp drei Jahren vor meiner ersten intakten Schwangerschaft und einer rein medikamentösen Kinderwunschbehandlung eher einen leichteren Weg. Es ist nicht einfach, fünf Empfehlungen auszuwählen, ich nenne die fünf, die mir als erstes in den Sinn kommen.

1) Meinen Fokus habe ich von Anfang an sehr stark auf den Mangel in meinem Leben gerichtet: Auf das ersehnte Kind, das einfach nicht kommen wollte. Das hat mich gelähmt und mir den Blick für all das Wertvolle verstellt, das in dieser Zeit in meinem Leben war. Ich würde deshalb empfehlen, sich bei allem Schmerz, den der Mangel mit sich bringt, immer wieder zu fragen: „Was erfüllt mein Leben gerade, wo sind meine Kraftquellen, was motiviert mich?“ Und aus einer Haltung der Fülle, nicht aus dem Mangel heraus auf das Leben zu schauen, denn unsere innere Haltung hat so viele Auswirkungen: Auf unsere Psyche, unseren Körper und unser ganzes Lebensgefühl.

2) Immer wieder höre ich, dass das Thema sehr schambesetzt ist und Paare nicht offen darüber sprechen. Das wird mitunter als eine Last empfunden, die man ganz allein mit sich herumschleppt. Wenn man auf das Kinderthema angesprochen wird, versucht man möglichst geschickt um eine direkte Antwort herum zu lavieren. Man frisst den Schmerz und den Ärger, den solche, häufig unbedarft gestellten, Fragen auslösen können, in sich hinein. Das kann bis dahin führen, dass Kontakte zu Freunden und Familie reduziert oder abgebrochen werden. Ich bin von Anfang an sehr offen mit meinem unerfüllten Kinderwunsch umgegangen, was auch nicht nur angenehme Folgen hatte. Jedoch haben sich mir im Gegenzug auch viele Menschen mit dem gleichen Thema anvertraut, wodurch ich mich nicht so allein damit gefühlt habe. Außerdem waren Freunde und Familienmitglieder sensibilisiert und haben sich mit Kommentaren zurückgehalten. Im Nachhinein würde ich einen gesunden Mittelweg empfehlen. Nicht jedem seine Gefühle zu offenbaren, sich jedoch nahen Menschen anzuvertrauen und ganz klar zu sagen, in wieweit man sich mitteilen möchte und wo persönliche Grenzen liegen.

3) Was ich im rückblickend bereue, ist, dass ich mir keine professionelle Begleitung gesucht habe, als der Kinderwunsch in mir Ausmaße angenommen hat, die mir nicht gut getan haben. Es hätte sicher geholfen, meine Sehnsucht nach einem Kind als wichtigen Teil von mir einzuordnen, der jedoch nicht die Macht haben sollte, mein ganzes Leben in gewisser Weise zu vereinnahmen.

4) Oft kündigen wir im Verlauf einer Kinderwunschreise unserem Körper das Vertrauen. Wir versuchen, ihn durch fruchtbarkeitssteigerne Ernährung, Medikamente und Kinderwunschbehandlungen gefügig zu machen und dazu zu bringen, uns endlich unser ersehntes Kind zu schenken. Alles, das sich nach vermeintlicher Kontrolle über den widerspenstigen Körper anfühlt, ist willkommen. Wäre es nicht viel zielführender, wenn wir stattdessen eine liebevolle, wertschätzende Beziehung zu unserem Körper aufbauen würden? Wenn wir ihn richtig kennenlernen und ihm vertrauen würden, ihn einladen, sich mit uns zu verbünden in unserem Wunsch? Mir hätte es damals ganz sicher besser getan, Yoga zu üben oder eine Körpertherapie zu beginnen, anstatt ständig im Internet zu recherchieren, welche Ernährung die Fruchtbarkeit u.U. steigern oder behindern könnte und welche Zipperlein vielleicht Anzeichen für eine Schwangerschaft sein könnten. Auch getimter Sex oder eine Kinderwunschbehandlung nach der nächsten entsprechen sicher nicht den Bedürfnissen unseres Körpers und unserer Psyche.

5) Das Leben mit kleinen Kindern ist schön aber auf seine ganz eigene Weise auch wahnsinnig anstrengend. Eigene Interessen und Selbstverwirklichung bleiben da häufig für mehrere Jahre erstmal auf der Strecke. Wäre mir das bewusster gewesen, hätte ich in den Jahren, bevor meine Wunschkinder doch noch gekommen sind, meine Freiheiten und die Zeit für eigene Interessen und Projekte bewusster gelebt und wertgeschätzt. Das ist jedoch im Nachhinein leicht gesagt und verständlicherweise sehr schwer, wenn man sich gerade nichts Erfüllenderes vorstellen kann, als Kinder zu haben.

In Ihrem neuen Buch erzählen Paare ihre Geschichte eines (unerfüllten) Kinderwunschs. Was hat Sie motiviert zu diesem Buch?

In meiner eigenen Kinderwunschzeit habe ich auf einem Festival einen Workshop zu dem Thema gehalten. Wir haben uns im geschützten Rahmen gegenseitig unsere Geschichten erzählt, geweint und uns endlich in unserer Not verstanden gefühlt.

Anna Koppri - Wir mit und ohne WunschkindHinterher haben sich einige Paare gewünscht, in Kontakt miteinander zu bleiben. Daraufhin hatte ich die Idee zu dem Buch, um noch mehr Paaren die Möglichkeit zu geben, andere Kinderwunschgeschichten zu lesen und sich auf ihrem oft qualvollen Weg nicht allein zu fühlen.

Wer sollte „Wir mit oder ohne Wunschkind“ lesen und warum?

Beim Schreiben hatte ich vor allem Leidensgenoss*innen im unerfüllten Kinderwunsch im Blick. Ich würde mir wünschen, dass sie sich verstanden und begleitet fühlen und gleichzeitig inspiriert werden, da die Paare im Buch ja alle für sich letztlich einen guten Umgang mit dem Thema gefunden haben.

Manche sind kinderlos geblieben, andere haben doch noch Kinder bekommen oder sie haben Pflegekinder aufgenommen.

Genauso ist das Buch aber auch für Menschen, die andere im unerfüllten Kinderwunsch begleiten oder besser verstehen wollen. Außerdem soll es eine weitere Stimme sein für ein Thema, das, verglichen mit der Anzahl an Paaren die davon betroffen sind, noch lange nicht genug Beachtung in der Gesellschaft findet.

Sie schreiben in ihrem Buch, dass sie „fasziniert“ sind von Gott. Wie macht sich diese Faszination in Ihrem Leben bemerkbar?

Ja, und es ist vielleicht wichtig zu wissen, dass alle Menschen, die ich für mein Buch interviewt habe, sich dem christlichen Glauben zugehörig fühlen und der Glaube mit in ihr Erleben des Kinderwunsches hineinspielt.

Ich gehe davon aus, dass es eine Realität gibt, die wir mit unseren fünf Sinnen nicht erfassen können. Dass da eine Kraft ist, die für mich gleichzeitig ein Gegenüber darstellt, die alles zusammenhält. Von dieser Kraft, die ich für mich Gott nenne, fühle ich mich getragen und bin meist im Vertrauen gewurzelt, dass Dinge in meinem Leben nicht zufällig oder willkürlich passieren.

Während meines Kinderwunsches wurde dieses Vertrauen immer mal erschüttert, doch letztlich habe ich mich auch durch diese Zeit hindurch getragen gefühlt und kann im Nachhinein für manches dankbar sein.

Mein Glaube hilft mir, ein stückweit die Kontrolle loszulassen (wir Menschen wollen so gern alles kontrollieren und können es häufig einfach nicht, nicht im Kinderwunsch und genauso wenig, wenn Kinder in unserem Leben sind) und zu vertrauen, dass es gut werden wird, selbst, wenn es sich oft anders anfühlt.

Es tut mir gut, mich mit Gott zu verbinden, still zu sein, Gott als Stimme in mir wahrzunehmen und mich auf die Dinge zu fokussieren, die mir wesentlich erscheinen. Dazu gehört z.B. eine innige Verbindung zu anderen Menschen und Lebewesen; das Bewusstsein, dass wir alle zusammengehören und gemeinsam für das Wohl aller verantwortlich sind.

Früher habe ich mir Gott wie eine Figur vorgestellt, von der die Geschichten in der Bibel erzählen. Mittlerweile empfinde ich „ihn“ viel ungreifbarer und faszinierender. Ich glaube nicht, dass irgendeine Religion „ihn“ wirklich erfassen kann, doch dass „er“ sich uns immer wieder auf unterschiedlichen Weisen nähert, die wir menschlich begreifen können, z.B. durch Jesus.

Die Ursache für unerfüllten Kinderwunsch liegt ja genauso häufig beim Mann wie bei der Frau. Dennoch beschäftigen sich fast immer nur die Frauen mit dem Thema. Woran liegt das aus Ihrer Sicht und (wie) könnte sich das einmal ändern?

Beschäftigen sich wirklich nur die Frauen damit, oder sind es vor allem die Frauen, die das Thema nach außen tragen?

Sicher sind es auch mehr Frauen, die das Thema innerlich an sich herankommen lassen können und nicht „wegdrücken“. Mir sind auch Männer begegnet, die in Auseinandersetzung mit dem Thema gegangen sind. Vor allem, wenn die Ursache bei ihm liegt, kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Mann sich nicht damit beschäftigt.

Ich denke jedoch, dass Probleme (emotional oder körperlich) bei Männern noch immer sehr viel schambesetzter sind, als bei Frauen. Über Schwächen spricht man nicht, Mann beißt die Zähne zusammen und macht das mit sich aus. Wer Unterstützung sucht, ist verweichlicht. Das ist sicherlich mitunter noch immer ein Erbe des Nationalsozialismus und Krieges, das wir mit uns herumschleppen.

Deshalb freue ich mich, dass es langsam auch für Männer immer populärer wird, sich einen Therapeuten zu suchen, um Dinge, die das eigene Leben und die Beziehungen belasten, aufzuarbeiten und aus dem Weg zu räumen. Erst neulich habe ich einen Radiobeitrag gehört, in dem ein Mann offen über seine Unfruchtbarkeit gesprochen hat. Der Spiegel hatte männliche Unfruchtbarkeit im vergangenen Jahr sogar als Titelthema.

Mein eigener Mann hat „unser Thema“ ab und zu Freunden gegenüber erwähnt und erlebt, dass sich dadurch auch sein Gegenüber besser öffnen konnte. Wir brauchen also mehr mutige Männer, die mit diesem Thema nach außen gehen, damit es immer stärker enttabuisiert wird, besonders auch für Männer!

Was könnte Deutschland aus Ihrer Sicht besser machen im Umgang mit Paaren, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben?

Grundsätzlich möchte ich einmal erwähnen, dass ich sehr dankbar bin, wie viel in Deutschland, verglichen mit anderen Ländern, schon für Familien getan wird.

Ja, und es wäre toll, wenn bereits die Familiengründung politisch stärker in den Blick genommen werden würde. Ich denke, das Beste wäre, das Problem des unerfüllten Kinderwunsches schon an der Wurzel zu packen. Es beginnt meines Erachtens mit dem Bildungssystem und unserer Pädagogik in den Familien. Kinder werden von klein an auf Leistung getrimmt. Wer fleißig ist und gut lernt, was ihm vorgesetzt wird, wird belohnt. Dadurch werden Menschen geprägt, die unsere Wirtschaft voranbringen und deren Fokus auf beruflichem Erfolg liegt.

Partnerschaft und Familiengründung rücken in der Biografie immer später in den Fokus, was sich gravierend auf die Fruchtbarkeit auswirkt (da besonders die weibliche Fruchtbarkeit mit zunehmendem Alter rapide abnimmt). Es wäre also wichtig, hier schon an den Stellschrauben zu drehen und das Thema Familiengründung in Schule und Gesellschaft noch mehr in den Fokus zu nehmen und wertzuschätzen.

Wenn Paare feststellen, dass es mit der Familienplanung nicht so einfach ist, wie sie sich das vorgestellt haben, sollten sie sich besser unterstützt fühlen. Da gäbe es viele Punkte zu nennen. Für berufstätige Frauen ist es so schwierig, sich in eine Fruchtbarkeitsbehandlung zu begeben und nebenher in vollem Umfang ihren Beruf zu stemmen. Ausfälle aufgrund von Kinderwunschbehandlungen werden laut Gesetz nicht bezahlt. Darunter leidet entweder der Job oder Körper und Psyche der Frau, was sicherlich nicht förderlich für eine Schwangerschaft ist.

Wenn es klare Regelungen, z.B. ein Recht auf Krankentage oder Sonderurlaub für Frauen in der Fruchtbarkeitsbehandlung gäbe, würde das vieles erleichtern. Dazu müsste das Thema auch in der Arbeitswelt als ganz selbstverständlich auf dem Schirm sein, von dem jede*r Arbeitnehmer*in genauso betroffen sein kann, wie durch die Krankheit eines Kindes, für die es ja auch Sonderurlaub bzw. Krankentage gibt.

Auch finde ich es sehr ungerecht, dass sich nur Paare mit den entsprechenden finanziellen Mitteln in eine Kinderwunschbehandlung begeben bzw. diese für längere Zeit in Anspruch nehmen können. Hier sollte es niedrigschwellige Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung bzw. grundsätzlich geregelte Kostenübernahmen geben.

Zudem finde ich es wichtig, dass das Thema ungewollte Kinderlosigkeit oder unerfüllter Kinderwunsch noch viel mehr enttabuisiert und ernst genommen wird. Es sollte mehr Raum im alltäglichen gesellschaftlichen Diskurs einnehmen, weil es sicherlich genauso relevant ist, wie z.B. der Burnout, der ja mittlerweile gesellschaftlich anerkannt und weniger schambesetzt ist.

Vielen Dank, Frau Koppri, für die schönen Antworten und dass Sie sich die Zeit genommen haben.

 

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